KARIN HANNAK     EINLEITUNG ZU CAPILLOART VON WOLFGANG MÜLLER-THALHEIM

Gedanken über das Haar
 
 
"Es war ein
menschlicher Kopf,
den mich die Haare
in meiner Hand
erkennen ließen  ... "
(Karin Hannak, 1990) 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kunst und menschliches Sein sind untrennbar verbunden, von Menschen geschaffen, für Menschen und deren Projektionen. Damit sind auch die über Leben und Tod hinausweisenden Fragen gemeint. Seit jeher versucht man Antworten zu finden, sei es in den Religionen, sei es in der Philosophie, woher wir kommen, wohin wir gehen. Bereits in der Vorzeit finden sich bildnerische Hinweise für den Glauben auf ein Weiterleben nach dem Tod. 
Vor 5000 Jahren, bereits detaillierte Vorstellungen, wie man am besten körperlich im Jenseits auftreten könne, mit welcher Kleidung, Frisur und welchen Begleitern. Stets wird die körperliche Unversehrtheit hoch bewertet, das Haar spielt dabei eine große Rolle. Das Haar genießt hohes Ansehen, seit der Antike und in der Bibel (Lev. 13, 1-46) genau beschrieben. Homer pries die Wirkung des Blondschopfs des Achill auf Freund und Feind. Samsons Stärke war das lange Haar (Ri. 16, 1-3) Aus der römischen Kaiserzeit sind Frisuren und Barttracht überliefert, am schönsten die Porträts auf den Totenbrettern aus dem Fayum.
Das Haar, ein menschliches Organ, von dem man sich trennen kann und das wieder nachwächst, daher seit jeher ein Symbol für die Lebenskraft und im übertragenen Sinn ein pars pro toto, ein repräsentativer Teil der Gesamtpersönlichkeit. Diese ursprüngliche magisch-animistische Vorstellung ist noch in unseren Tagen lebendig. Heute, nach der Epoche der Moderne und der ausklingenden Post-Moderne beginnt man sich in zunehmendem Maße auf die naturgegebenen Formen zu besinnen. Die menschliche Gestalt mit ihren Attributen kehrt wieder, wohl angesichts der Beunruhigung durch den ungebremsten Vormarsch der Informationstechnologie und die daraus resultierenden Eingriffe in die ich-nahen Bereiche. So schwelen weitgehend unbewusste Ängste, da die meisten dieser Vorgänge kaum mehr zur Hälfte verstanden werden können. Und Angst ist eine Kraft, die viel bewegt, auch in den Künsten. 
Das abgetrennte Haar gilt seit jeher als ein bleibendes Zeichen der Persönlichkeit. Eine Locke oder Strähne war gleichsam eine Reliquie, eine Erinnerung an verehrte oder geliebte Wesen, - das gilt oft noch in unseren Tagen. Aus der Wirkung der Haare auf alle Sinne erklärt sich die hohe Wert-schätzung. Sie können geschmeidig sein, duften, sich sträuben, kurz, sie stehen in enger Beziehung zum lebensnotwendigen Vegetativum. In der Erotik spielen sie eine große Rolle, und damit sozusagen für die Existenz des Einzelnen und für die Erhaltung der Art. Eine Erinnerung auch an die behaarte Phylogenese, an die Menschheitsentwicklung, deren animalische Züge wir weder verleugnen können noch sollten. 
 
Karin Hannak geht aber nicht primär von solchen Gedanken aus, sondern widmet sich als Vollblutkünstlerin dem Ausdrucksbedürfnis und den Möglichkeiten in unserer Zeit. Da ist nach Meinung skeptischer Philosophen  viel gesündigt worden. Die Künste weichen in zunehmendem Maß von der Wirklichkeit weg, zwar auf attraktive Weise, lassen aber die Frage nicht zu, wohin das führt, wozu das gut sei. Kunst als Warnung hat ausgedient. Nach Picassos Guernica, nach Knaupps Brandresten, nach Nitschs Blutströmen wurde in Bosnien und Kosowo gefoltert und gemordet, unter den Augen der Weltöffentlichkeit und der Experten. „Vernunftansprüche, die nicht direkt lebbar sind, kann man mittels Kunst ausleben und dem Vernunftanspruch wenigstens zeitweise entkommen" ironisiert Odo Marquard. 
 Die Entwicklung nach Avantgarde und Postmodeme weist in Richtung Sinnlichkeit und Phänomenologie. Nochmals der Philosoph: ,,Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird das Ästhetische, die sinnlichen Faktoren". 

Persönliches 
 
 
"Schmerz", Zentrum
eines Triptychons  
(Ausstellung Schloss
Lancut, Polen 1990)
 
 
 
 
 
 
 
 
  
Karin Hannak, gutbürgerlicher Abstammung, verheiratet, zwei Kinder, künstlerische Ausbildung in Salzburg und Rom. In ihrem Leben gab es Höhen sowie beträchtliche und anhaltende Tiefen.
Mit dem Bild „Schmerz“, das die Künstlerin in der Allerseelennacht 1989 malte, begann sie sich mit den Themen Leid und Vergänglichkeit, Zeit und Ewigkeit aus eigenem Erleben auseinander zu setzen. Im weiteren Verlauf kam es zu einer Änderung ihrer Ausdrucksmittel.
 
1990 entdeckte sie die ganz besondere Bedeutung des Kopfhaars als künstlerisches Material. „Haare sind für mich vor allem ein Symbol für Kraft und Unvergänglichkeit, ich sehe darin aber auch Spuren unserer so schnell dahin gehenden Lebenszeit". So entstanden zahlreiche großformatige Tafelbilder hinter Glas, sehr schwungvoll, ungegenständlich, aber von besonderem Flair, collagenartig, wie mit feinem Stift gezeichnet. Aus einfachen Mitteln eine poetische Aussage zu erzielen, verleitet zum Reflektieren, zum Weiterdenken. („Kunst ist, was Künstler machen, nicht was man ihnen vorgibt" ermutigte O.Mauer. Der Betrachter macht  dann etwas für sich daraus.) Diese Capillographien waren also die Vorstudien für weitere Überlegungen. 
 
1993 versah die Künstlerin eine 80 Meter lange weiße Plakatwand mit dem Spruch „Ist denn nicht jedes Haar, das wir verlieren, ein Stückchen Zeit unseres Lebens, das unwiederbringlich vorbei ist?“ in ständiger Wiederholung - ein zarter, einen fernen, endlosen Horizont markierender Schriftzug auf „Stillem Weiß", das die Menschen an die Vergänglichkeit erinnern sollte. 
 
1994 folgte dann eine weiße Wand vor der Votivkirche in Wien, die viel Beachtung fand. Passanten reagierten in berührender Weise mit Zeichnungen und Beschriftungen, die Themen waren ich-nahe: Liebe, Ängste, Krieg, persönliche Nöte und Obsessionen.
Es gibt also viele Menschen, die sich ausdrücken möchten und bei künstlerischen Angeboten mittun. Das übrigens ist eine Kernerfahrung der modernen Museumspädagogik. 
Karin Hannak ist aber weit weg von literarischen Fassaden und Stichwort-bringern. Wenn sich eine Frau mit Leiderfahrung den Problemen des Lebens künstlerisch stellt, findet sich nachvollziehbare Tiefe und eine gute Hand im Umgang mit archaischen Wurzeln und den Symbolen von andauernder Gültigkeit.
 
Zeit und Ewigkeit 
 
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
 
Menschenspiegel -
Installation im
Künstlerhaus Wien
2003
Seit 1997 entsteht der Menschenspiegel „CapilloCollection International" (CCI). Es war das ursprünglich ein Versuch, die verschiedensten Wünsche der Menschen nach Bleibendem zu erfassen. Die Künstlerin wendet sich an die einzelnen Menschen, und fordert sie auf, sich zu dokumentieren. Wer immer sich da beteiligen will, gibt eine Haarsträhne, ein Porträtfoto und seine Originalhandschrift. Jeder persönliche Beitrag wird zum Gesamtkunstwerk - der Ist-Zustand, das Bleibende gewinnt Gestalt - unter der Parole „Spiegel der Jahrtausendwende, Menschen unserer Zeit und ich gehöre dazu", sorgsam eingefügt in einen schmalen vitrinenartigen Behälter aus Glas und poliertem Metall. 
Licht und Raum und Zeit werden spürbar, denn die Symbolkraft der Installation weist weit über das Sichtbare hinaus. Vorgestellt werden Einzel-menschen, einfache und prominente, aus aller Welt, in einer als dauerhaft gedachten Exposition. Mit Klugheit und Charme gewann sie sogar schwer aufspürbare Größen wie Rudolf Kirchschläger, Max Weiler, Arnulf Rainer und Luciano Pavarotti. Das Individuum wird hervorgehoben, gegenüber der weit-gehend zurückgeschraubten Begeisterung für die Gruppe während der Psychologie der 80er Jahre!      
 
Vor der Reihe der gläsernen Schreine könnte man nachdenklich werden. Der Abstand zum Mitmenschen wird deutlich, die Eigenverantwortlichkeit, die Unabdingbarkeit der eigenen Leistungen des Ego. Die Haare, der morphologische Anteil, sind ein bedeutendes Zeitsymbol, sie stehen für das langsame Wachstum, in Gegenposition zum allzu schnellen Erscheinen und Verschwinden zeitgenössischer Impressionen. Im atemberaubenden Tempo des Jetzt ergibt sich kaum noch wo eine tiefer gehende Betroffenheit. Hier aber stellt sie sich ein. CapilloCollection wird zum Denk-MaI für den Einzelnen, ganz abgesehen von den gespeicherten genetischen Informationen im Haar. 
Die Wiederentdeckung des Begriffes „Denkmal" erscheint fast als Notwendigkeit in einer Zeit, in der Vergessen vorprogrammiert wird. Der Konsument und Hedonist ist bereits trainiert, sich eine Information anzueignen, bis in rascher Folge die nächste kommt. Vergleichen und Weiterdenken unterbleiben oft aus Zeitmangel, und die Urteilsfähigkeit, eine der wichtigsten Ich-Funktionen, verkümmert. 
Was bleibt, ist der Mensch, auch in der, heute weniger denn je durchschaubaren Zukunft. Und was sagt der Weise: Abgeschnittene Haare ergrauen nicht, altern nicht. Es bleibt also ein Relikt da für die Nachkommenden, ein Eindruck von einer Persönlichkeit, die jetzt noch lebt, eines Tages aber nicht mehr. Bei Naturreligionen, und auch in manchen Hochkulturen wird die Ahnenverehrung mit großem Ernst gepflogen.
 
Karin Hannaks CapilloCollection International erscheint als eine bedeutende künstlerische Installation, die vom humanen Material ausgeht und weit über den ästhetischen Charakter hinaus auf daseins-überschreitende, transzendente Empathie angelegt ist. 
 
Szenerien
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
Ab 2001 hat Karin Hannak für die Darstellung ihrer Kunst zwei antike Parolen gewählt, die tief bewegen. Ecce Homo (Joh. 19,5): Das ist der Hinweis auf das Leiden als solches, auf das körperlich und vor allem auch psychisch gedemütigte, von den Mitmenschen verspottete und verachtete, bereits zur Beseitigung vorgesehene Opfer. Wir er-leben es immer wieder, wozu Menschen fähig sind. Bewegende Darstellungen in der Kunst gab es genug, von der Hochgotik über Goya, Kubin bis Picasso, - und leider in der Gegenwart, vom Bildschirm ins Haus geliefert. Allen Aufrufen zur Brüderlichkeit und Humanität zum Trotz.      
Das eben erscheint als ein widersprüchliches, die menschliche Psyche und Psychokonstitution betreffendes Problem. Um eine Brücke zu schlagen von Karin Hannaks Werken zur conditio humana als solcher und unserer aller Verständnis für uns selbst und unsere Zeit. Sind wir noch imstande, darüber zu reflektieren und Pro und Contra für Gegenwart und Zukunft überhaupt bewusst zu machen ?
 
„Ecce Homo - Menschenbilder“: Das ist der Versuch von Darstellungen des schicksalhaften Prozesses, dem jeder Mensch ausgesetzt ist - nunmehr ohne Namen von Personen, anonym repräsentiert durch ein paar Haupthaare in einem weißen Feld. Hier zeigt sich symbolhaft die oft schier erdrückenden Last eines schweren Schicksals. Kummer, Enttäuschungen, Unglücksfälle, Objektverlust  belasten uns. Wer würde da nicht mitfühlen können, aus eigenem Erleben. 
Umgeben von Zivilisation und Technik, die uns als glänzender aber starrer Rahmen von der Wiege bis zur Bahre begleiten, bleibt der Mensch eingeschlossen, die Haarsträhne bedeutet das Lebendige. Diese hellen Felder könnte man als das Selbst bezeichnen, den Bereich der Ich-Funktionen, des Persönlichkeitskernes. Ihre Lage signalisiert vielleicht den Zustand der Reife oder des Entwicklungsstadiums. Ein kleines, gedemütigtes Ego steht noch am Anfang, ein anderes verfügt über größere Ausdehnung und ist schon abgehoben. Auf allen diese Lebensbahnen lastet noch eine dunkle Wolke, der eiserne Vorhang der Zukunft. Keiner ist noch ganz oben, einer jeden Individualität ist aber das positive Engramm mitgegeben, „aus Dir wird noch etwas, Du kannst noch Deinen Platz in der Großen Ordnung finden". - Das ist ein bedeutsamer Ruf nach Erlösungsbedürftigkeit, wie er in allen Weltreligionen bekannt ist.
„Der kalte Glanz der Metallrahmen kontrastiert mit den auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hinweisenden Rostspuren im Eisen. Und dieser Gedanke kann tröstlich sein, jedes noch so schwere Leid nimmt irgendwann ein Ende. Und wenn dieses Ende den Tod bedeutet ....." (K. Hannak).
Aus psychopathologischer Sicht kann man dankbar sein für eine derartige Aussage. Sie stellt eine Illustration dar wie z.B. neurotische Persönlichkeitsstörungen interpretiert und therapeutisch angegangen werden können. Und weiters, wie subtil, aber nachhaltig die Emotionsumkehr vor diesen Kunstwerken wirksam wird. Je trister die Darstellung oder Atmosphäre eines künstlerischen Werkes, desto deutlicher kommt eine emotionale Gegenregulation im Betrachter. Das Nur-Traurige und Deprimierende ist auf Dauer nicht zu ertragen, im gräulichsten Dunkel kommt ein Lichtstreif, eine Hoffnung auf. Und mit diesem intakten Anteil der Persönlichkeit kann dann das therapeutische Bündnis geschlossen werden (M. Bleuler).
 
Das andere Wort der Karin Hannak ist „Quo vadis?“ (Joh.,13,36). Wohin geht der Weg des Einzelnen, der Gruppe, der globalen Gegebenheiten der Jetztzeit?Der künstlerische Ausdruck dieser Besorgnis, - eine Antwort realiter ist nicht möglich - bedient sich des leeren Raumes, des Lichtes, der Spiegelung. Mehr kann man nicht tun. Diese Projektion ins Unendliche, die Ratlosigkeit gegenüber den blanken und scheinbar überschaubaren Größen! Selbst die biblische Antwort auf diese Frage klingt erschütternd ironisch: „Du  willst mir folgen ?  Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben"
 
 
Visionen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
...Ängste, Orientierungskrisen und Reizüberflutung, das sind die heutigen Belastungen des Daseins. Auch die Vergänglichkeit holt uns immer wieder ein. Die durchschnittliche Lebensdauer des Menschen ist zwar größer, die der technischen Hilfsmitteln aber kürzer geworden. Der uns innewohnende Wunsch nach Dauer, aere perennius, dauerhafter als Erz (Vergil), wird in der Kunst nicht mehr so befriedigt wie in früheren Zeiten: Bronze und Stein wurden teilweise abgelöst von Karton, Kollagen, Textilien, von absichtlich begrenzter Lebensdauer. Was sollen diese Materialien signalisieren? Doch auch die Vergänglichkeit, die vanitas, die von Kohelet vor zwei Jahrtausenden so eindringlich vorgehalten wurde!
Das menschliche Haar steht da für Schönheit, Kraft und Leben. Wenn man es abschneidet, wächst es wieder nach. Es stammt auch (in der zellularen Entwicklung) wie das Gehirn und Rückenmark aus dem Ektoderm, also aus edler funktionaler Nachbarschaft, und enthält alle Erbinformationen. Es zu künstlerischen Gebilden zu verwenden, erscheint daher durchaus angemessen.
 
Kunst bleibt stets offen, weist auf das ewig Rätselhafte, Enigmatische und auf das Numinose, das göttliche Unerreichbare hin, sie bezeichnet auch die Abgründe, das Tremendum, die Leere, das Chaos. Künstler wie Karin Hannak, die in Ihrer Zeit verankert sind, suchen Zeichen zu setzen. Für die Rezipienten liefern sie, gewollt oder ungewollt, Ordnungspunkte und Mahnmale. Wer will, fühlt darin den Erlebnishorizont, der von der innersten ich-nahen Sensibilität bis zur Konfrontation mit der Unendlichkeit reicht und auch eine Erinnerung an das Erlösungsbedürfnis enthält. Wir sollten versuchen, uns wenigstens teilweise diese nonverbalen Botschaften bewusst zu machen und sie im Lebensablauf anzuwenden. Kunst bietet da vielleicht eine Chance, die Hybris zu verhindern, - den Absturz des Einzelnen ins Bodenlose, der Gesellschaft, der Welt ?